Aus Wenzelsplatz mach Champs Elysees

Prags Boulevard wird umgestaltet

Er hat schon eine Menge erlebt, der Prager Wenzelsplatz. Im 14. Jahrhundert nach der Gründung der Prager Neustadt durch Kaiser Karl IV. errichtet, diente er zunächst dem Handel mit Pferden. Daher auch der ursprüngliche Name Rossmarkt. Später erweiterte sich der Handel um den mit Tuchen und Waffen. Schon immer lud er aber auch zum Lustwandeln ein, der Platz, der eigentlich keiner ist. Er erinnert vielmehr an einen Boulevard, denn er ist zwar 60 Meter breit, aber 750 Meter lang. X-Mal wurde der „Platz“, der zu den größten seiner Art in Europa zählt, umgebaut und für neue Zwecke genutzt. Die meisten der heute da stehenden Häuser stammt aus der Zeit zwischen 1890 und 1930. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen weitere Gebäude hinzu, etwa das Hotel Jalta mit einem erst kürzlich entdeckten unterirdischen Geheimbunker für die Spitzen des Warschauer Pakts im Fall eines Atomschlages.

Der Platz erlebte auch zahlreiche Demonstrationen. Zu den unvergessenen gehört die furchtbare Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach 1969, aus Protest gegen die Lethargie, mit der Tschechen und Slowaken damals das Ende des Prager Frühlings hinnahmen. In den 1970er Jahren gestaltete die politische Führung den Platz bewusst um: großflächige, mit Beton eingefasste Blumenbeete sollten verhindern, dass große Menschenmengen hier zu Protestkundgebungen zusammenkommen. Die Massendemonstrationen im November und Dezember 1989, die zum Sturz der alten KP-Garde führten, haben sie dennoch nicht verhindern können.

Seit elf Jahren gibt es Pläne, den Wenzelsplatz neuerlich umzugestalten. Jetzt sollen die ursprünglichen Pläne, nur leiht abgewandelt, endlich umgesetzt werden, zunächst im unteren Teil. Im kommenden Jahr will man beginnen, nach acht Monaten soll alles fertig sein. Wenn alles gut geht, soll der untere Teil des Platzes sein neues Gesicht Anfang 2018 präsentieren.

Der Boulevard soll ein bisschen zu einer Prager Art der Pariser Champs Elysees werden. Fast ausschließlich Fußgängern vorbehalten, auch ohne die ursprünglich vorgesehene neuerliche Einrichtung einer Straßenbahnlinie. Der Platz soll eine zweite Reihe von Bäumen bekommen. Platanen, die lichtdurchlässiger und weniger schädlingsanfällig sein sollen, werden die jetzt dort stehenden Linden ersetzen. Die Linde ist eigentlich der tschechische „Nationalbaum“.

Brunnen sollen sprudeln, Bänke zum Verweilen locken, Parkplätze auf mein Mindestmaß reduziert werden.

Dass die Umsetzung der Planung so lange dauerte, hat mit einem Streit um eine Zufahrt in die für später geplante Tiefgarage unter dem Platz zu tun. Die kann nach Lage der den Platz umgebenden Straßen nur über den Wenzelsplatz angefahren werden. Sollte die Garage aus irgendeinem Grund später doch nicht gebaut werden, soll die Zufahrt einfach mit den Platten abgedeckt werden, wie sie den Rest des Platzes zieren werden.

Sobald die Baugenehmigung vorliegt, soll eine Kommission über die Pläne zur Umgestaltung des oberen Teils des Platzes beraten. Würde man die Prager fragen, was unbedingt geändert werden sollte, dann fiele die Antwort weniger architektonisch aus: Denen missfallen vor allem die Leute, die jeden Spaziergänger abends mit ziemlicher Penetranz in die zumeist in Nebenstraßen liegenden Bordelle und Spielkasinos zu locken versuchen. Das ist in deren Augen die wirkliche „Schande“ dieses Platzes, nicht die Länge der Planung für dessen Umbau, wie Prags Oberbürgermeisterin Adriana Krnáčova bei der Vorstellung des Projekts meinte.

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