Futurismus pur: Jan Kaplický

„Wo steht geschrieben, dass Häuser eckig sein sollen? Sind Menschen etwa eckig?“ Jan Kaplický

Am 18. April dieses Jahres wäre er 80 Jahre alt geworden. Grund genug, dem vor acht Jahren verstorbenen tschechischen Stararchitekten eine eigene Ausstellung zu widmen. Die Retroperspektive „JKOK Nekonečno Jana Kaplického“ („JKOK – Die Unendlichkeit des Jan Kaplický“) ist derzeit im Tanzenden Haus am Prager Moldauufer zu sehen. Konzipiert wurde sie von seiner Witwe Eliška Kaplický-Fuchsová, die es sich zu einer Lebensaufgabe gemacht hat, den Nachlass des Architekten zu verwalten. Gemeinsam mit bekannten Architekten wie Eva Jiřičná und Petr Vágner, die Jan Kaplický persönlich kannten, hat sie die Ausstellung vorbereitet.

Auf drei Etagen sind die wichtigsten Stationen von Kaplickýs beruflichem Leben zu sehen. Auch Projekte, die aus den unterschiedlichsten Gründen nie verwirklicht wurden.

Scheitern mit Blob


Die Ausstellung eröffnet eine Glastafel, auf der sich Gipsabdrücke von Kaplickýs Händen befinden. Kaplický habe sich seine Projekte perfekt vom Kopf in die Hände übertragen, meint Kaplickýs langjährige Wegbegleiterin Eva Jiřičná. „Er schuf einzig mit seinen Händen, manchmal mit beiden auf einmal. Aber nie mit einem Computer“, sagt Jiřičná. Direkt an der gläsernen Fassade des Tanzenden Hauses lockt ein großes Modell aus knallgelben Legosteinen Besucher in die Ausstellung. Es stellt den Blob dar, den Kaplický als seinen wichtigsten Auftrag bezeichnete, der aber nie gebaut wurde. Und das, obwohl das mutige futuristische Projekt, das das neue Gebäude der tschechischen Nationalbibliothek in Prag beheimaten sollte, vor zehn Jahren in einem internationalen Architekturwettbewerb gesiegt hatte. Denn es löste heftige Reaktionen aus. Man warf dem Architekten seine unkonventionelle futuristische Form sowie seine Farbe vor. Auch die Finanzierung des Projekts wurde nie ganz geklärt. Zudem stieß der Blob auf starke Ablehnung seitens der Politik wie auch der Öffentlichkeit. Stein des Anstoßes war auch die Tatsache, dass der Blob auf der Prager Letná-Ebene emporwachsen sollte und wegen seiner Nähe zur Prager Burg das Prager Stadtbild zu sehr verändert hätte.

Ein ähnliches Schicksal traf einen Entwurf Kaplickýs im südböhmischen Budweis (České Buějovice). Der Konzertsaal, ob seines Aussehens „rejnok“ genannt, wartet bislang noch auf seine Verwirklichung. Daher steht bislang in Tschechien nur ein Gebäude aus der Feder des weltberühmten Architekten. Dabei handelt es sich aber um ein frühes Werk. Das unauffällige Haus des Malers František Dvořák in Prag hat Kaplický noch vor seiner Emigration im Jahre 1968 entworfen.

Häuser, Mode, Schmuck und Möbel

Außer dem gelben Blob-Modell werden im ersten Teil der Ausstellung viele großformatige Farbfotografien und Zeichnungen präsentiert, in denen Kaplickýs uferlose Phantasie triumphiert. Die glänzende Fassade des Selfridges Einkaufzentrums in Birmingham oder das Lord’s Media Centre beim Londoner Cricket-Stadion brachten Kaplický internationales Renommee wie auch verschiedene Auszeichnungen ein. Weiter werden Entwürfe gezeigt, die nie umgesetzt wurden. Den phallusartigen Wolkenkratzer „Green Bird“ zum Beispiel, dessen 100 Stockwerke hoch über der Londoner Themse in den Himmel ragen sollte.

Weniger bekannt ist Kaplickýs Interesse an experimenteller Mode, Designer-Schmuck, Möbel oder Trinkgeschirr. Das wird in der Ausstellung näher beleuchtet.

Der Kurator der Ausstellung Petr Vágner betont, dass es ein Ziel der umfangreichen Exposition sei, vor allem die menschliche Seite Jan Kaplickýs aufzufangen. „Jedes Mal, wenn ich eine Ausstellung über Jan Kaplický realisiere, werden in mir tiefste Emotionen wach“, fügt Eva Jiřičná hinzu. Fünfzig Jahre lang war sie seine Kollegin und Freundin. „Ich war bei seinen Anfängen mit dabei, ich erlebte seinen Aufstieg und seinen Ruhm in all seinen Facetten“, erinnert sich Jiřičná.

Facettenreich ist auch die Ausstellung im Tanzenden Haus. Sie legt Zeugnis ab von der unerschöpflichen Kreativität des Architekten, der in der Welt Erfolge feierte, sich in der Heimat aber nicht durchsetzen konnte.

JKOK – Nekonečno Jana Kaplického
. Tančící dům (Jiráskovo náměstí 6, Praha 2), täglich von 10 bis 20 Uhr. Bis zum 12. März 2017

www.tadu.cz

Related articles

Facebook comments

There are no special offers at this moment. Be first!
AHK Tschechien - Regionalbüro...

AHK Tschechien in Pilsen ist regionale Anlaufstelle in der...

Advantage Austria Brünn

Portal der österreichischen Wirtschaft im Ausland

Advantage Austria Prag

Portal der österreichischen Wirtschaft im Ausland

PragueMonitor.com

Prague’s # 1 source for Czech news in English…

PragueConnect.cz

Expat and Czech Business Professional Network


Prague.TV

English language Expats and City Guide